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Journal · Einordnung

Nahrungsergänzung —
was geprüft ist und was nicht

Der wichtigste Satz vorweg: Nahrungsergänzungsmittel werden vor dem Verkauf von keiner Behörde geprüft. Was daraus folgt, und was von den beworbenen Wirkungen tatsächlich belegt ist.

Information, keine Beratung

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er stellt keine Beratung, keine Diagnose und keine Empfehlung für oder gegen ein bestimmtes Präparat dar. Wir nennen keine Marken und keine individuellen Dosierungen. Bei bestehenden Erkrankungen, laufender Medikation, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern gehört jede Ergänzung ärztlich besprochen. Mehr dazu

Der Punkt, der alles andere erklärt

Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittel, keine Arzneimittel. Das klingt nach einer Formalität und ist der entscheidende Unterschied.

Ein Arzneimittel muss vor der Zulassung Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachweisen. Ein Nahrungsergänzungsmittel muss das nicht. Es gibt eine Meldepflicht beim Inverkehrbringen, aber keine behördliche Vorabprüfung. Die Verantwortung für Sicherheit und korrekte Kennzeichnung liegt vollständig beim Hersteller oder Inverkehrbringer.

Wer eine Packung im Regal sieht, kann daraus also nicht schließen, dass irgendjemand den Inhalt geprüft hat. Kontrolliert wird stichprobenartig — im Nachhinein.

Kontrolle

Was die Stichproben zeigen

ÖSTERREICH ALLGEMEIN
Rund ein Drittel beanstandetEtwa 450 Proben pro Jahr werden amtlich kontrolliert. Häufigste Gründe: Kennzeichnungsmängel und unzulässige gesundheitsbezogene Angaben.
INTERNET-DIREKTVERTRIEB
22 von 35 Proben beanstandetSchwerpunktaktion der AGES zum Onlinehandel.
BESTELLUNGEN AUS DRITTSTAATEN
44 Prozent beanstandetGemeinsame Kontrollaktion von Zoll und AGES, 50 Proben. Gefunden wurden unter anderem Quecksilber, Lithium und nicht zugelassene neuartige Zutaten.
SCHWEIZ, GEZIELTE PRÜFUNG
75 Prozent beanstandetKantonale Untersuchung auf pharmakologisch aktive und verbotene Substanzen. Gezielte Auswahl, nicht repräsentativ — zeigt aber, was in bestimmten Produktgruppen zu finden ist.

Einordnung: Ein Großteil der Beanstandungen betrifft Kennzeichnung, nicht Gesundheitsgefahr. Die Zahlen aus dem Onlinehandel und aus Drittstaaten sind aber ein anderes Kaliber. Der Bezugsweg ist der stärkste Risikofaktor — deutlich stärker als die Frage, welcher Wirkstoff draufsteht.

Belegt

Was bei veganer Ernährung tatsächlich zählt

B12
Nicht verhandelbarDer einzige Punkt ohne Diskussion. Ausführlich im eigenen Beitrag.
VITAMIN D
Im Winter praktisch für alleKein veganes Thema, sondern ein Breitengradthema. Betrifft in Österreich die gesamte Bevölkerung.
JOD
Wenn kein jodiertes Salz verwendet wirdDer einfachste Hebel ist das Salz, nicht die Kapsel.
EPA UND DHA
Über MikroalgenölDie pflanzliche Direktquelle. Sinnvoll als Absicherung, in Schwangerschaft und Stillzeit am besten belegt.
SELEN
Regional abhängigEuropäische Böden sind selenarm. Kontextabhängig, nicht pauschal.
EISEN UND ZINK
Nur bei nachgewiesenem MangelEisen ausdrücklich nicht vorsorglich — zu viel belastet die Leber. Erst messen, dann entscheiden.

Das ist die vollständige Liste. Alles darüber hinaus ist bei einer gut geplanten pflanzlichen Ernährung nicht belegt notwendig.

Vertiefung

B12 — welche Form und wie oft

Weil hier viel Marketing im Spiel ist, lohnt sich der genaue Blick.

Cyanocobalamin ist die am besten untersuchte, stabilste und günstigste Form. Methylcobalamin und Adenosylcobalamin werden als „natürlicher" und „besser verwertbar" beworben — die Datenlage stützt das nicht. Sie sind schlechter untersucht und deutlich instabiler: In Lösung mit Vitamin C oder anderen B-Vitaminen verlieren sie 48 bis 76 Prozent, Cyanocobalamin nur 6 bis 21 Prozent.

Eine randomisierte Studie an veganen Erwachsenen fand, dass Cyanocobalamin den aktiven Marker Holotranscobalamin besser hielt als Methylcobalamin — Median 150 gegenüber 78,5 pg/l.

Zur Dosierung: Der aktive Aufnahmeweg über den Intrinsic Factor ist schnell gesättigt. Bei Hochdosen wirkt zusätzlich die passive Diffusion, bei der etwa ein Prozent unabhängig davon aufgenommen wird. Deshalb funktionieren sowohl kleine tägliche Mengen als auch wöchentliche Hochdosen. Welches Schema für dich passt, ist eine ärztliche Frage.

Zur Messung: Serum-B12 allein ist wenig aussagekräftig. Aussagekräftiger sind Holotranscobalamin (der aktive Anteil) und Methylmalonsäure (ein funktioneller Marker, der anzeigt, ob im Stoffwechsel tatsächlich genug ankommt).

Nicht belegt

Was beworben wird, aber nicht wirkt

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Kein Nutzen

Multivitaminpräparate

Große Evidenzsynthesen zeigen bei gesunden, ausreichend ernährten Erwachsenen keinen Nutzen für Gesamtsterblichkeit, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.

Eine Metaanalyse fand kein verändertes Sterberisiko. Das macht sie nicht gefährlich — nur wirkungslos für den beworbenen Zweck.

Schaden möglich

Antioxidantien in Kapselform

Ein Cochrane-Review über 78 Studien mit 296.707 Teilnehmenden fand: Betacarotin, Vitamin A und Vitamin E als Supplement erhöhen die Sterblichkeit signifikant.

Bei Rauchenden erhöht Betacarotin zusätzlich das Lungenkrebsrisiko. Das ist der klarste Fall, in dem ein Supplement schadet, während dieselben Stoffe im Gemüse unbedenklich sind.

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Ohne Beleg

Kollagen und „Detox"

Kollagen ist ein Protein und wird wie jedes andere in Aminosäuren zerlegt — die Vorstellung, es lande gezielt in Haut oder Gelenken, ist physiologisch nicht plausibel. Kollagen ist zudem nie vegan.

„Detox" beschreibt keinen definierten physiologischen Vorgang. Entgiftung ist die Aufgabe von Leber und Nieren und lässt sich nicht durch ein Pulver anstoßen.

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Prinzip

Warum isolierte Stoffe anders wirken

Der Befund zieht sich durch die gesamte Forschung: Nährstoffe im Lebensmittelverbund verhalten sich anders als dieselben Stoffe isoliert und hochdosiert.

Eine Kapsel ist kein konzentriertes Gemüse. Sie ist etwas anderes.

Markt

Wie groß das Geschäft ist

Zwei Zahlen für den europäischen Markt, beide aus 2024 — und der Unterschied ist lehrreich:

  • Rund 36 Milliarden Euro laut Finanzministerium und AGES.
  • Rund 46 Milliarden US-Dollar laut dem europäischen Branchenverband der Hersteller.

Der Unterschied erklärt sich teils über die Abgrenzung (zählen pflanzliche Extrakte mit?), teils über die Interessenlage. Ein Branchenverband hat ein Interesse an einer großen Zahl — sie signalisiert Bedeutung.

Für die Einordnung genügt: Es geht um zweistellige Milliardenbeträge, und ein erheblicher Teil davon wird für Produkte ausgegeben, deren Nutzen bei ausreichend versorgten Menschen nicht belegt ist.

Werbung

Was gesagt werden darf

Die Bewerbung unterliegt der EU-Health-Claims-Verordnung. Erlaubt sind nur zugelassene Aussagen im festgelegten Wortlaut, gebunden an eine Mindestmenge. Krankheitsbezogene Aussagen sind generell verboten — nichts darf vorbeugen, behandeln oder heilen.

Genau hier liegt laut AGES der häufigste Verstoß, und zwar überwiegend auf Produktwebsites und im Influencer-Marketing, nicht auf der Packung selbst. Die Packung ist reguliert und wird kontrolliert; der Instagram-Post daneben ist es faktisch kaum.

Praktisch nützlich: Je konkreter ein Gesundheitsversprechen formuliert ist, desto wahrscheinlicher ist es unzulässig. Wo „unterstützt das Immunsystem" steht, ist das ein zugelassener Claim. Wo „schützt vor Erkältungen" steht, ist es ein Rechtsverstoß — und ein Hinweis darauf, wie es der Anbieter mit der Genauigkeit hält.

Zusammengefasst

Fünf Punkte

1
Niemand prüft vorabDie Zulassung eines Nahrungsergänzungsmittels gibt es nicht. Kontrolliert wird stichprobenartig im Nachhinein.
2
Der Bezugsweg ist der größte RisikofaktorBestellungen aus Drittstaaten hatten in einer Kontrollaktion eine Beanstandungsquote von 44 Prozent. Apotheke und regulärer Handel sind etwas anderes als ein Direktversand von außerhalb der EU.
3
Die belegte Liste ist kurzB12, Vitamin D, Jod, EPA/DHA — und Selen, Eisen, Zink nur bei Bedarf. Mehr braucht es bei guter Planung nicht.
4
Manches schadetHochdosierte Antioxidantien sind kein neutrales Extra. Der Cochrane-Befund ist eindeutig.
5
Messen schlägt ratenBei allem außer B12 gilt: erst den Status kennen, dann entscheiden. Vorsorglich hochdosieren ist die schlechteste aller Varianten.

Quellen

Weiterlesen

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